Mein Körper sah das anders.
Es fing mit lauter guten Nachrichten an.
Alles innerhalb kurzer Zeit. Man gratuliert dir zu so etwas. Man feiert diese Anlässe. Niemand sagt dir, dass gute Nachrichten dieselbe Energie kosten wie schlechte — nur dass du dich bei guten nicht beschweren darfst.
Und so lief es. Auf der Arbeit Leistungsdruck, Karrieredruck, das Gefühl, sich beweisen zu müssen. Zu Hause eine Hypothek, die jeden Monat pünktlich klingelt. Und dazwischen der Anspruch, ein liebevoller Vater und ein guter Partner zu sein — was ich sein wollte, nicht nur sein musste.
Dazu die alten Muster. Die Sätze, die man irgendwann als Kind aufgeschnappt hat und dreissig Jahre später immer noch abspult, ohne sie je überprüft zu haben. Reiss dich zusammen. Andere haben es schwerer. Wenn du es nicht machst, macht es keiner.
Also machte ich es. Alles. Gleichzeitig.
Ich war müde. Ich war ausgelaugt.
Und ich funktionierte einfach weiter.
Funktionieren. Das ist das Wort, das wir benutzen, wenn wir nicht mehr leben, aber auch noch nicht umgefallen sind. Es klingt fast wie eine Auszeichnung. Ist es aber nicht.
Nicht mit einem Knall. Schleichend.
Ich ging zum Arzt. Dann zum nächsten. Blutbild, Untersuchungen, Abklärungen.
Das Ergebnis war jedes Mal dasselbe: Sie sind gesund.
Ich verliess die Praxis mit einem tadellosen Befund und einem Körper, der anderer Meinung war. Wer das schon erlebt hat, weiss, wie das ist: Erleichterung und Ratlosigkeit im selben Moment. Man wünscht sich fast, sie hätten etwas gefunden. Dann hätte es wenigstens einen Namen.
Alle sagten dasselbe: Es ist Stress.
Stress war ich gewohnt. Ich hatte Eishockey auf Nationalliga-Niveau gespielt. Ich kannte Druck, Erwartung, Erschöpfung. Das war nie mein Problem gewesen.
Es hat lange gedauert, bis ich verstanden habe, was sich wirklich verändert hatte. Nicht der Druck war neu. Nicht der Stress war neu.
Der Ausgleich war weg.
Früher hatte ich beides: harte Belastung — und danach die Entladung. Training, Spiel, Kabine, Erschöpfung, Schlaf. Der Körper bekam, was er brauchte, ohne dass ich je darüber nachdenken musste.
Und irgendwann war nur noch die Belastung übrig. Kein Ventil mehr, kein Gegengewicht. Dazu ein Körper, der ein paar Jahre älter geworden war und deshalb schlechter verzieh.
Ein Konto, auf das man dreissig Jahre lang nur einzahlt und dann jahrelang nur abhebt, ist irgendwann leer. Das ist keine Krankheit. Das ist die logische Konsequenz.
Kein Medikament, kein Ratgeber, keine App mit Achtsamkeitserinnerung um 14:30 Uhr.
Es war ein Mann aus der 34. Generation der Shaolin. Und es war nicht nur Meister Lu — es war die Philosophie hinter dem Shaolin Spirit und seinen Prinzipien.
Meister Shi Yan Lu hat mich gefordert, bis nichts mehr ging. Härter, als ich es aus dem Sport kannte.
Und dann kam die Stille. Am Morgen. Am Abend.
Wer mich kennt, weiss: Ich rede gern. Reden ist mein Handwerk. Und plötzlich sass ich in einem Raum voller Menschen, und keiner sagte ein Wort. Auch ich nicht.
Und dabei merkte ich plötzlich: Diese Stille war das Wertvollste am ganzen Tag.
In der Stille liegt die Kraft. Das musste ich erst erkennen.
Denn wir sind heute ununterbrochen beschallt. Benachrichtigungen, Podcast im Zug, Radio beim Kochen, Musik beim Laufen, ein Bildschirm, der immer noch etwas nachschiebt. Was heute an einem Tag auf uns einprasselt, erlebte ein Mensch vor siebzig Jahren in einer ganzen Woche.
Es gibt keine Ruhe mehr. Nirgends. Und sie ist elementar.
Die Anstrengung öffnet die Tür.
Die Stille geht hindurch.
Genau das hatte gefehlt. Nicht mehr Leistung. Nicht weniger Leistung. Sondern das Gegengewicht dazu — Qi-Gong, Atem, Meditation, und ein Körper, der wieder etwas zu tun bekommt, das nicht in einem Kalender steht.
Das Bemerkenswerte ist nicht, dass es gewirkt hat. Das Bemerkenswerte ist, dass es geblieben ist. Diese Lehren halten, was sie versprechen.
Und plötzlich öffnete sich mein Umfeld und erzählte mir seine Geschichten.
Ich musste nie fragen. Ich musste es nur einmal am Mittagstisch erwähnen — und dann kam es. Der Rücken. Der Nacken. Das Pfeifen im Ohr. Der Nebel im Kopf. Der Magen, sobald der Kalender voll ist.
Freunde. Kollegen. Menschen mitten im Leben, mitten in der Karriere, mitten in der Familie. Alle funktionieren. Alle halten durch. Viele waren beim Arzt, und viele sind gesund.
Irgendwann fiel mir auf, dass wir alle dasselbe Leben führen.
Wir wohnen in einer Box und schlafen in einer Box. Am Morgen steigen wir in eine kleinere Box, die uns zur Arbeit fährt, wo wir wieder in einer Box sitzen und den ganzen Tag in eine leuchtende Box hineinschauen.
Am Abend bringt uns dieselbe fahrende Box zurück in unsere Box, wo schon die nächste leuchtende Box wartet. Das Abendessen kommt aus einer Box, wird in einer Box warm gemacht und vor einer Box gegessen. Und wenn der Tag vorbei ist, legen wir uns in die letzte Box.
Am nächsten Morgen geht es von vorne los. Und dann wundern wir uns.
Der einzige Moment, in dem wir uns wirklich bewegen, ist der Weg vom Parkplatz zum Lift.
Ich bin überzeugt: Für dieses Leben sind wir nicht gemacht. Der fehlende Bezug zum eigenen Körper, zur Natur, zu echtem Essen — das ist kein spirituelles Luxusproblem. Dafür müssen wir irgendwann bezahlen.
Ich bringe die Shaolin-Praxis nach Bern. Nicht die Wellness-Version mit Räucherstäbchen und beruhigender Hintergrundmusik — sondern die echte, mit einem Meister der 34. Generation, der diese Tradition wirklich in sich trägt.
Ich bin dabei nicht der Meister. Das ist Shi Yan Lu. Ich bin der, der die Tür aufhält. Das ist keine Bescheidenheit, das ist die Aufgabenteilung.
Ich kann kein Kung Fu vorführen, das dich beeindruckt. Aber ich weiss ziemlich genau, wie es sich anfühlt, wenn alle Werte gut sind und trotzdem nichts stimmt. Und ich weiss, was passiert, wenn man dem Körper endlich wieder gibt, was er braucht.
Du hast bis hierher gelesen. Das heisst, irgendetwas davon hat dich getroffen.
Gleich wird sich melden, was sich immer meldet. Vielleicht sagt es: Interessant, aber dieses Jahr passt es nicht. Vielleicht: Ich bin gerade nicht fit genug dafür. Vielleicht auch nur: Ich schau's mir später nochmal an.
Ich kenne diese Stimme gut. Sie hat mich zwei Jahre gekostet.
Sie klingt vernünftig, und genau deshalb funktioniert sie. Sie will dich nicht bremsen — sie will dich beschützen. Vor Anstrengung, vor Unbequemem, vor der Möglichkeit, dass sich etwas ändert. Das Problem ist nur: Sie wird nächstes Jahr genau dasselbe sagen.
Zwei Tage.
Ein Meister.
Dein Körper.
Wer etwas bewegen will, muss den ersten Schritt gehen. Meiner war, ein Retreat zu organisieren, einen Meister nach Bern zu holen und mich vor Menschen zu stellen.
Dein erster Schritt dauert zwei Minuten.
RESET · Mike Röthlisberger · Rosshäusern, Kanton Bern · info@shaolin-reset-training.ch
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